Editorial: erschienen im Newsletter Steuern und Bilanzierung von BWRMed!a am 28. Mai 2009

 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

Vor ein paar Tagen war ich mal wieder baff. Da kam der Leiter eines großen Wirtschaftsforschungsinstituts mit einem ganz tollen Vorschlag an: Paare mit Kinderwunsch sollen doch die Krise zum Kinderkriegen nutzen.

Denken wir spaßeshalber mal ernsthaft über den Vorschlag nach. Ich stelle mir also vor, ich habe gerade meinen Job verloren und mein Partner ist auch noch nicht ganz sicher, was diese merkwürdig vielen fremden Herren in Anzügen in seiner Firma zu bedeuten haben. Und wir wollten doch sowieso demnächst ein Kind.

Ist doch eine Supergelegenheit, einfach die Arbeitslosigkeit zum Bäuchlein streicheln, stillen und wickeln zu nutzen statt mich um die rar werdenden Jobs zu rangeln, meint der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), Ulrich Blum. Elterngeld gibt es auch so. Und wenn die Krise vorbei ist, wird der Schwung auf dem Arbeitsmarkt schon für mich mit reichen. Sollten dann doch nicht genug Jobs übrig sein – warum nicht gleich weiter machen, mit dem nächsten Kind? Unter uns – das müssen wir ja so nicht sagen –, aber das wäre doch superpraktisch: Besteht doch das demografische Problem bekanntlich ein gut Stück darin, dass zuwenig Leute mehrere Kinder bekommen.

Dass die Idee mir irgendwie realitätsfern vorkam, liegt an meiner beschränkten Sicht. Der Realität von vorgestern fühlt sich Blum verpflichtet, erkannte dagegen die Frankfurter Allgemeine Zeitung. 1950 reloaded also. Nur besser. Ja, passen Sie mal auf: Herr Blum schlägt nämlich nicht nur vor, die gerade überflüssige Arbeitsmarktreserve „an den Herd zu entsorgen“, wie die FAZ es hübsch zusammenfasst. Er schlägt auch noch vor, dem im Arbeitsmarkt verbleibenden Partner längeren Kündigungsschutz zu schenken.

Ist doch nett. Denken Sie jetzt bloß nicht drüber nach, was wäre, wenn der trotzdem seinen Job verlöre, weil diese Männer in Anzügen den Laden dicht machen. Oder an die ganzen Männerbranchen, die sich für den Vorschlag herzlich bedanken werden, wie Axel Plünneke vom Institut für die Deutsche Wirtschaft (iw) in Köln lästerte. Kleine Schulung, und ab in die Alten- und Krankenpflege sowie Kindergärten mit den frisch gebackenen Ernährern. Fertig. Das Gehalt reicht nicht für Kinder und Hausrate? Kein Problem. Vielleicht kann sich ver.di dann auch die Streiks sparen, und die Jobs werden angemessen entlohnt.

Und wäre es nicht auch superpraktisch, gleich noch die Frauen in Erziehungszeit zu Erwerbstätigen umzudeklarieren? Sähe doch auch die böse Erwerbstätigenstatistik gleich viel besser aus, die trotz Kurzarbeit auf unter 40 Millionen gerutscht ist.

Sehen Sie? So leicht lassen sich unsere drängendsten Probleme lösen. Merkwürdig nur, dass ein Hallenser nichts aus dieser furchtbar dummen Erfahrung nach der Wende in Ostdeutschland gelernt hat. Trotz massig Gelegenheit zum Kinderkriegen – bei der Arbeitslosigkeit – brachen die Geburtenraten ein, wie die Aktienkurse im September. Ach so: Herr Blum ist gar kein Hallenser, sondern Bayer. Na ja, dann...

 

 

© Midia Nuri